Lunds Polis und andere Bedrohungen

Deutsch:

(English on enquiry)

 

Im Rahmen des General Information Meetings, nur uns Studierende von der LTH betreffend, traten neben wichtigen akademischen Persönlichkeiten (die Unionspräsidenten, der Dekan, der Leiter der Plagiatskommission, die Chefin des Internationalen Büros, etc.), wundersamerweise auch die Studienvertretung auf, die uns fröhlich und in Anwesenheit aller dazu ermunterte, einer Verbindung beizutreten, da auf diese Art und Weise das Saufen in Lund viel günstiger würde. Als Mitglied einer Verbindung zu saufen, ist quasi schon akademisch.

Nun gut, es sei gesagt, dass die ganze Versammlung eigentlich auch überhaupt nicht meinen Vorstellungen von einer universitären Einführungsveranstaltung erfüllte. Ich hätte damit gerechnet und keine Verwunderung gezeigt, dass in einem hohen, mit dunklem Holz vertäfelten, säulengetragenen Saal viele Männer (seit geschätzten hundert Jahren meinetwegen auch unbärtige), alle in lange schwarze Talare gehüllt und mit akademischen Goldmedaillen behangen, in einer Reihe aufmarschiert wären und jeder, in einer Stunde Redezeit die Wichtigkeit seiner Aussagen betonen würde. Fein. Außer Technik-, Jus und Medizinstudierenden, werden mir jetzt alle widersprechen. Tatsächlich sieht das ja auch an unseren Unis nicht wirklich so aus – hat aber irgendwie trotzdem ein bisschen diesen elitären Mythos.

An der LTH haben sich all diese Leute prinzipiell mit Vornamen vorgestellt (“Hallo, I’m Frederik, the Dean. Only two times a year I’m called “Mr. Sjö” at LTH: In the degree ceremony at the end of spring term and right now, because ‘Mr.Sjö’ means ‘Mr.Lake’ in swedish. And I like that!“). Und sie haben, nicht ohne dabei ernsthaft zu sein, das schwedische Bildungssystem mit ein paar Folien im Hintergrund im großen und ganzen witzelnd erklärt und uns Austauschstudierende in der akademischen Familie willkommen geheißen. Als angenehm empfand ich dabei, mir keine Predigten anhören zu müssen, was wir als kluge Elite den Normalsterblichen gegenüber für eine Verantwortung hätten und dergleichen.

Der eindeutig schockierendste Auftritt war jener des Polizeisprechers. Die Tatsache, dass man uns so unvorbereitet mit der Staatsmacht konfrontierte lies mich tatsächlich ziemlich klamm und unwohl tiefer in den Sessel sinken und hatte auch auf meine KollegInnen eine ähnliche Wirkung (wie ich unschwer am kollektiven “fffffffffft”- Geräusch, das der Profi sofort als Rodelarsch-auf-Sesselbezug erkennt, hören konnte). Ein zwar blonder, aber irgendwie trotzdem finsterer Hüne in blauer Polizeiuniform stolzierte vor das Pult, wo er kurz stehenblieb; Breitbeinig, die Hände in die Hüften gestemmt und mit einer Miene finster wie die Nacht. Es war Mucksmäuschenstill.

Lunds polis vid stadsbiblioteket – lund’s police at the city library

I don’t like this!” brüllte der Riese. Uns stockte der Atem! – und wäre es nicht in einem weiteren “ffffffffffft” untergegangen, hätte man hören können, wie die zweihundertvierundachzigmillionendreihundertzweiundzwanzigtausensiebenhundertzwölf Arm- und Nackenhärchen der Anwesenden sich beim Aufstellen aneinander rieben! Er brüllte:  “I will go out again. And when I retuuuuurn!”, er warf die Arme in die Luft (like he just don’t care) und vollendete den Satz mit dem blödesten Gesicht, dass ich jemals bei einem Staatsorgan (Politiker ausgenommen) gesehen hatte: “I want you all to screamYeeeeeeaaaah, Patrik the policeman is heeeeeere!“. Irgendwie war die leicht angespannte Stimmung gelöst, als der Polizist, tatsächlich von heiteren Rufen und tosendem Applaus begleitet, in Winnerpose und mit einem breiten Grinsen ein zweites Mal hereinstolzierte.

Was mir in meiner Angst erst jetzt dämmerte, war, dass natürlich viele Studierende von wesentlich weiter herkamen als ich und teilweise in sehr andersartigen Kulturkreisen aufgewachsen waren. Der Auftritt von Lunds Polis fand also nicht nur im Eigeninteresse der Polizei von Lund statt, sondern war natürlich eine wertvolle Ergänzung im Anschluss an die Verhaltensregeln an der Universität und schlug in die selbe Richtung; Also nicht nur, um später sagen zu können “Wir haben’s euch ja gesagt”, sondern tatsächlich auf wichtige Dinge beschränkt und bemüht, Leute vor Fehlern zu bewahren. Wie auch seine Vorredner, nahm Patrik alles mit Humor. Im Gegensatz zu ihnen aber, erhielt er ein stets angenehm strenges Distanzverhältnis zur allgemein gängigen political correctness.

Nach kurzen Erklärungen über Kontaktmöglichkeit und -notwendigkeit der örtlichen Polizei, kam er auf die ungewollten Kontaktaufnahmen, nämlich Verkehrs/Ausweis/Routine/etc-Kontrollen zu sprechen. Eindrücklich ermahnte er uns: “If we catch you doing something you shouldn’t be doing – work with us. Don’t try to bribe us! Here in Sweden, the officers don’t take money.” Eine eindrückliche Geste des heimlichen Geldeinsteckens mit einem dümmlichen Gesichtsausdruck folgte, um die Aussage zu verdeutlichen. Nach einer kurzen Pause, die er nutze, um ernsthaft in die Runde zu blicken, fuhr er fort:”If there is anyone from Bosnia: This.is.not.Bosnia.” Pause. “If there really is someone from Bosnia, then I’m sorry…” Ein breites Grinsen über seinen gelungenen Witz wich gespielter Ernsthaftigkeit. “…but you know, what I’m talking about!

Patrick überspielte auch andere ernsthafte Themen, wie den Fahrraddiebstahl, erfolgreich mit Humor – wie schon zuvor an den Stellen eindrückliche Nachdenkpausen in satzbeendender Länge machend, wo eigentlich Beistriche hingehören: “If we see you on someone else’s bike. And we know, it is someone else’s bike, because s/he reported the theft a few weeks ago. We take it!” Einem Grinsen und einer kurzen Erklärung darüber, dass die Fahrradhehlerei, wie in jeder Universitätsstadt, ein großes Problem sei (160 Fahrräder pro Woche werden hier gestohlen!), folgten eine Ermahnung, Rechnungen aufzubewahren, die Frage “Who of you has already bought a stolen bike? You know, when you bought it off someone shady with almost no teeth for almost no money!” und die erleichternde Information “But we will let you go. Because you can’t drive.” und einem etwas zeitversetzten “After we beat you up, haha!” Pause. Mit einem kumpelhaften Rat und einem kollegialen Zwinkern, war das Thema Diebstahl beendet :”And if we ask you, if you knew the bike was stolen. Don’t. say. yes! Because then it’s a crime.”

A bicycle is for one person only. If we catch you being two on one bike, you will pay 500sek. If you are three you will pay 500sek. The same if you are four, five, six or seven on one bike.” Thema erledigt? Nein. “If you can be eight, we will let you go. And take a foto.” Es folgte, begleitet von einem tatkräftigen Ineinanderklatschen und Aneinanderreiben der Hände, einer der gelungensten, beinahe-Nahtlosübergang zum tabuisierten Thema Drogen: “OK. Anyone here from Holland?

In einer kurzen Ernüchterungsphase, erfuhren wir, dass Schweden einen ähnlichen Zugang zu Drogen hat, wie der Rest Mitteleuropas (alles ist verboten). Verwunderlich war allerdings der Hinweis auf das Thema Alkohol. Nicht sein “If you get tooooooo drunk. Like Putin. Well, it’s not illegal to get drunk as fuck in Sweden!”, sondern seine dem folgenden Ausführungen zum Umgang der schwedischen Polizei mit alkoholisierten Personen machten mich ein bisschen stutzig. Die eindrückliche Bitte, mit der Polizei zusammenzuarbeiten war zwar ein bisschen im Eigeninteresse (hier hat die Polizei auch keine Lust, sich mit besoffenen Randalierern zu prügeln), und auch gut argumentiert (“If you think you have to mess with me when you’re drunk. I call my friends. And if you think you have a lot of friends here already. I have 360 friends!“), aber auch von besänftigenden Aussagen begleitet. So erklärte Patrik, dass die Polizei zwar oft präsent sei, aber keine Parties crashen würden. Gewalt gibt es in Lund so gut wie keine, aber wenn jemand so betrunken ist, dass die Polizei Zweifel an seiner Sicherheit hat (“[…] and you think to yourself: “Oh, this snowdrift is a good place to sleep!” […]), haben die Beamten das Recht, sie/ihn mit auf die Polizeistation nehmen und acht Stunden zwangszubeherbergen.

lunds polisen på stora södergatan vid stortorget – police at the main square in stora södergatan

Aber auch Patriks Witze darüber, dass es keinesfalls billiger sei, jede Nacht sturzbetrunken am Revier zu übernachten, weil der Alkohol in Schweden so teuer sei und seine Ausführungen zum notwendigen schauspielerischen Talent, das nötig wäre, um nüchtern mitgenommen zu werden (“[…] we might fall for it, if you stand in the middle of the street, arms spread like this, and sing a Justin Bieber song. Preferrably naked.”), minderten meine Zweifel an dieser etwas seltsamen Pflicht der Polizei nicht. Erinnert hat es mich an Erzählungen aus der Jugend meines Großvaters, wo Betrunkene nach Ermessen des Dorfgendarmen noch in den Kohlekotter, aka Ausnüchterungszelle, gesperrt wurden. Und es wurmt mich auch, dass ich gerade nicht weiß, ob dieses Konzept in ähnlicher Form in Österreich noch existiert – zwei Dinge sind aber sicher:

1) Auch nach den wirklich liebenswerten Schilderungen Patriks (“If you say please, I will read you a bedsidestory. And give you a pillow.“) wird erst die Praxis zeigen, ob die örtliche Polizei dieses Gesetz mit Willkür, oder zum Schutz der Leute auslegt und

2) Werde ich das aus finanziellen Gründen, sowie aus der schriftstellerischen Verwertbarkeit der Erlebnisse heraus (Objektivität, Erinnerungsvermögen etc. pp.), aus sicherer Distanz beobachten.

Vielleicht vom Fahrrad aus, in actionnaher Entfernung. Denn lustigerweise darf man hier sogar besoffen Rad fahren. “It’s not a crime here. It’s stupid! … Funny and stupid!“.

PS.: Anbei die wirklich lustige Bildschirmpräsentation der Polizei als PDF. Mit Bildern von Patrik Kvist im Einsatz. Auf Facebook habe ich ihn leider noch nicht gefunden…

Polisen – presentation