Aller Anfang…

Deutsch:

(English version on enquiry)

Aller Anfang ist wahrlich schwer! Wo nur beginnen mit den Erzählungen der Taten aus alten und vor allem den jungen Tagen? Die Heldengeschichten meiner Reisen – angefangen mit meinem mysteriösen Verschwinden, über die dunklen Stunden, derer meine Gefährten und ich in schwitzig-engen (zeitweise  jedoch elektronisch unter den Nullpunkt gekühlten Tiefkühl-) Abteilen und am Boden der langen Verdauungstrakte der Eilschlangen ausharrten, fiebrig von der Dunkelheit träumend, unausweichlich stets gen Norden uns windend auf den Eisenstraßen über Feld und Berg und Tal; über das unendliche Ringen des Himmels mit der Erde, dem wir in kurzen Momenten, dem fensterlosen Gang des Intercity durch Norddeutschland und Dänemark toilettenbedingt kurz entfleuchend, beiwohnen konnten und der Sieg des mächtigen Himmels gegen den Mittelsmann und Schlichter, den friedlichen Horizont, welcher flachgedrückt und vor der schieren Masse des lichten Blau und den zartgrauen Wolkentürmen flüchtend, sich hinter den Rand der Welt zu drücken versuchte, bis hin zur Erschaffung meines großartigen 24,4m² Reiches hier, nord-östlich der überbrückten Meerenge des Öresund in der alten und geschichtsträchtigen Kleinstadt Lund will alles erzählt sein! – Aber alles zu seiner Zeit.

Aus einem praktischen Grund, nämlich in Ermangelung von dokumentarischen Fotobeweisen/untermalungen, möchte ich mit den jüngeren Ereignissen beginnen – ich bin schließlich keine Facebooktimeline. Am Ende einer weitläufigen und erlebnisreichen Interrailreise, die hier noch erzählt werden soll, steht also meine Niederlassung an meinem neuen Wohnort Lund und der Einzug in mein Studioappartment im Süden des Städchens, das mir von der hiesigen Universität zugeteilt wurde!

Gegen vorherige Anzahlung einer schlappen 522€-Monatsmiete konnte ich am 10. August, sogar noch um 13:00Uhr, den Schlüssel im International Housing Office von Lunds Universitet abholen. Von meinem letzten Aufenthalt die Lage meines Domizils schon kennend, hatte ich trotz allem Schwierigkeiten, hineinzukommen: Die erste Hürde, das selbstsperrende Haustor, war zwar schnell überwunden – mit List und mit der Erkenntnis, dass Sicherheitstüren in Schweden offenbar auf eine gefinkelte Sperrrichtungsumkehr inklusive zeitgleicher Klinkenbetätigung gegen die Bedrohung ausländischer Invasoren setzen – das eigentliche Rätsel war aber schwieriger zu knacken. Das große Spiel, welche Tür in dem langen Gang sich denn nun mit meinem magischen Schlüssel entriegeln lassen würde, gewann ich tatsächlich nur mit Ausdauer und Geduld beim vorsichtigen Anklingeln an vielen unbeschrifteten Türen und unzähligen Sperrversuchen (in alle möglichen Richtungen und allen mir bekannten schmutzigen Tricks). Ausnahmsweise bewahrheitete sich Murphys Gesetz aber nicht und so stand ich irgendwann in einer schweren hölzernen, aber unversperrten Tür und ein erfreulicher Anblick erbot sich mir:

Ein schneeweißes, hell beleuchtetes Zimmer lag vor mir. Gleich rechter Hand: Eine weiße Tür in eine fensterlose, etwa 2m x 2m große Nasszelle, sachlich in stilvollen Grautönen gefliest, mit WC, einem Waschbecken mit großem Spiegel, einem weißen Kästchen und einer ‘barrierefreien Dusche’ in Form eines großen, silbern glänzenden Abflusses im Boden, versehen mit einer Vorrichtung für einen Duschvorhang, den die Vormieterin mir allerdings glücklicherweise nicht überlassen hatte. Ein großer Kasten links der Tür und eine nette Kochecke mit Herd und Kühlschrank (inklusive Tiefkühltruhe) in stattlicher Einfamilienhaushaltsgröße, alles in weiß und sauber in die Ausbuchtung der Nasszelle eingepasst, sowie ein Tisch, ein Schreibtisch, ein Bücherregal und ein Nachtkästchen aus hellen Hölzern, drei Sessel und ein Bett waren in dem ca. 20m² großen Raum zwischen Tür und dem großen doppelflügeligen Fenster arrangiert, dessen niedrige, breite Fensterlaibung sogar zum Sitzen geeignet wäre.

 

fast sauber und noch leer

Meine Küche hier in Klostergården.

 

Nun, da war ich also! An der Schwelle zu meiner neuen Heimat. Die Klinke in der Hand, den Blick in meine wohnliche Zukunft gerichtet, stand ich da in der Tür und mich erfüllte angesichts der Sterilität dieses optisch fast klinisch reinen Raumes sofort eine schauerliche Frische – ein enormer Tatendrang und Entdeckergeist, gepaart mit dem wohligen Gefühl des Ausblicks auf die neue Heimat explodierte in mir! Ja, der Wunsch, in der neuen Welt die alte Gemütlichkeit neu zu erfinden! Ein Gefühl, wie es nur Kolumbus (oder früher und besser zu meinem Aufenthalt passend: die jütländischen Wikinger) und ein/e Anno 1503-Süchtige kennen kann! Oder wie man es aus jenen Augenblicken kennt, in denen man im “Dein Zuhause auf 25m²”-Schauraum beim IKEA vor der zufolierten Muschel der Bitte-nicht-hier-Toilette steht und einem, entgegen aller Logik, just in diesem Moment innerhalb einer Milisekunde alle Gedanken durch den Kopf schießen, die man jemals zu seinem Eigenheim hatte!

Ganz wider Erwarten war die Einrichtung tatsächlich von IKEA, was mein wohliges Heimkommgefühl natürlich sofort hinreichend erklärte und es als das globalisierte Ich-wohne-bei-IKEA-Gefühl enttarnte, das inzwischen wohl Menschen aus vielen Kulturkreisen und vieler Damen und Herren Länder ähnlich empfinden würden. UND in mir den Wunsch weckte, den Raum mit noch mehr IKEA-Waren zu beleben. Ein Teppich … ein paar Wandblumen … Hm… Egal. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich wohl, zwischen dem schönen Vollholz und der sogar mittelpreisigen Küche – hier hatte ganz klar jemand auf den immer passenden massenproduzierten Einrichtungsgeschmack der Welt im allgemeinen gesetzt und dabei nicht versucht, alles, was dabei an Wohnqualität übrig bleibt, mit dem Hintergedanken an die achso-hohen Kosten totzusparen.

Nachdem drei große Koffer, die ich bei einem Couchsurfer ganz in der Nähe unterstellen hatte können, ausgeräumt waren, der mir vom IHO aufgetragene inspection report ausgefüllt und abgegeben war (das halbe Besteck war weg, die Vorhänge kaffeebefleckt und das Backrohr hatte bestimmt noch nie etwas von Mr Muscle – Ugn-Ovn, dem hiesigen Billigbackrohrreiniger, gehört), und die ersten Basiseinkäufe (Mehl, Zucker, Essig+Öl, Gewürze, Kaffee, Tee etc.) erledigt waren und die Waren bereits die Regale bunt befüllten, war allerdings zwischen dem sich ausdehnenden Einzugssauhaufen und meinem Ego immer noch so viel Platz im Raum, dass ein Besuch bei IKEA doch unvermeidlich erschien. Einen Teppich habe ich allerdings nicht gekauft…