Stockholm | Reise | Oslo

Sorry for the crappy panorama.

Deutsch:

(Find the english translation here…)

Nach Kopenhagen, das sich naheliegenderweise gut als Tagesausflugsziel anbietet, bin ich nun also auch zum ersten Mal in Stockholm und Oslo gewesen. Das macht also ein Häkchen bei mittlerweile drei von fünf nordischen Landeshauptstädte auf der Liste. Yay. In Anbetracht dessen, dass uns unser Vortragender Mats Edström erst recht spät von der Studienreise informiert hat, konnten ein paar Kollegen und ich (allen voran Jay) noch eine verdächtig günstige Reiseplanung hinbiegen – inklusive Bus, Bahn, Flugzeug und Füßen – und hatten so auch zwischen unseren Reisezielen vielseitige Unterhaltung.

Zuerst gings per Snabbtåg in ca. viereinhalb Stunden nach Stockholm. Das Aufstehen um 3:00 Uhr nach zu wenig Schlaf (irgedwann muss man ja packen auch, oder?) habe ich mir selbst mit einem reichhaltigen Frühstück vergütet (Mein Rezept: “Des Kühlschranks letzte Weisheit”: 2 Eier, Zucchini und schwedischer Gouda, je eine Prise Salz, Pfeffer und Halbschlaf); Auch, wenn es sich irgendwie falsch anfühlte, um diese Uhrzeit irgendwas zu braten, ohne auch nur in annähernder Entfernung einer anständigen Fett’n zu sein. Mit viel Liebe, aber eben noch mit einem Fuß im Träumeland, hab ich dann irgendwie einfach alles, vor allem den Boden, ziemlich dreckig zurückgelassen (sehen Sie, das wäre vielleicht nicht passiert, wenn ich mit einem Fetzen drübergegangen wär’) und hab mich zu unchristlicher Morgenstunde mit meiner Nachbarin Kamila aus Polen getroffen, die auch mehr schlafend als wach mit mir zur Centralstation spazierte. Unsere Schlafentbehrung wurde allerdings mit einem wirklich fantastischen Anblick des Platzes um das Stadion in Lund belohnt – so könnte etwa Alices Wunderland ohne Pilze aussehen!

Nach einem Zittermoment, den wir auf die Ticketverwahrer Jay und Nic warteten, die die Distanz zum Bahnhof etwas unterschätzt hatten, begann die eigentliche Reise. Die Zugfahrt war, wie alles hier in Schweden, entspannt und kurzweilig. Eine Stunde Schlaf über eine Sitzreihe, bis jemand höflich seinen Platz beanspruchte, dann ein feines Gespräch über Sprachen mit meinem australischen Kollegen Nic und schon waren wir in Stockholm Central.

Nicht weit vom Bahnhof trafen wir andere Studierende aus dem Kurs und Mats und begannen gleich unsere Stadttour. Aufgrund des eng gesteckten Zeitplans war alles ziemlich stressig und von hurtigen Fußmärschen über die Inseln und Gegenwindzuhören-während-ziellos-Schnappschießen geprägt. So sahen wir an diesem ereignisreichen Tag das Parlament, den Palast, die city hall, das Architekturmuseum, die Stadtbibliothek, die brutalistischen Blockbauten des neuen Stadtzentrums und die historische Altstadt. Nicht gerade die beste Art, eine Stadt kennenzulernen, aber immerhin hat man nach so viel Fußmarsch einen kleinen Überblick und weiß vielleicht auch schon, was man das nächste Mal genauer betrachten möchte…

Einem Geheimtipp folgend, spazierte unsere kleine Reisegruppe abends nocheinmal quer durch die Stadt, um sauteuer, aber wirklich hervorragend in einem guten schwedischen Restaurant zu essen. Kostenpunkt für ein Bier und echte schwedische Köttbullar: 250 SEK. Aber das war’s wert! Mit der Tendenz, unserem Essen immer ähnlicher zu werden, schaufelten wir Spezialitäten in uns hinein, bis nichts mehr ging. Danach kugelten wir heiter zu unserem Hostel zurück, wo wir den Tag im Innenhof mit einem wohlverdienten Billigbier ausklingen ließen und viel zu spät in unsere Betten plumpsten.

Früh. Sehr früh gings dann wieder los: Hauptbahnhof Stockholm - Bus – Fluplatz Arland STHLM – Kaffee – Flugzeug – OSLO airport – Zug – Oslo Hauptbahnhof. Immer direkt nach dem Ein/Um/Aussteigen: Schlaf in den unmöglichsten Positionen. Dann: Oslo! Und Scheißwetter. Da Mats gleich wieder nach Lund gereist war, um an einem Symposium teilzunehmen, dass wir Studierende eigentlich auch besuchen sollten, führte uns schäferlos gewordene Herde an diesem Tag der Architekt Einar Jarmund durch den von seinem Büro geplanten Umbau einer Industriehalle in die Architekturschule Oslo. In freundliche Gespräche mit uns Studierenden vertieft, ging er nach der Führung mit uns durch das belebte Campusgelände des “künstlerischen” Teils der Universität, wo sich Handwerks- und Kunstschulen, Architekturbüros, Werkstätten und Ausstellungsräume im Überfluss ein ruhiges Gewässer entlang schlängeln. Mit väterlicher Freude kommentierte er die Neubauten und Ergänzungen der Bildungseinrichtungen, die wie Pilze nach einem Regen durch das betonierte Laubmeer am Waldboden schossen, erzählte Geschichten über die Stadt und bis dato nicht veröffentlichten Kleinkram aus den Entstehungsgeschichten verschiedener Gebäude. Wir besichtigten kurz sein weltberühmtes Büro, wo er ein wenig über die Projekte erzählte und sogar ein Modell für einen aktuellen Wettbewerb herumstehen hatte – das selbstverständlich nicht fotografiert werden sollte.

Nach einer kurzen Pause, in der wir fast zum gleichen Preis wie am Vortag in einem “günstigen” Asiatischen Restaurant essen waren, führte Einar uns noch zum Verteidigungsministerium (auch Fotoverbot) und zum Architekturmuseum, wo er uns dann aus seiner Obhut entließ. Da sich das Wetter über Mittag dramatisch verbessert hatte, entschieden wir ganz banausenhaft, die 35 norwegischen Kronen zu sparen und eine halbe Stunde in der Sonne zu dösen, statt durch das Museum zu hetzen.

Fast ausgeruht schlurften wir danach zum Hafen und der Oper, wo wir eine weitere tolle, von der Uni finanzierte (das muss man sich erst mal vorstellen!) Führung bekamen. Mich haut ja nichts so leicht vom Hocker und als kritischer und vor allem österreichischer Mensch finde ich in jeder Suppe ein Haar, wenn ich will. Die Oper in Oslo ist allerdings ein Projekt, das wirklich beeindruckt. Ohne jetzt zu sehr ins Detail zu gehen, hat mir imponiert, welche Formen diese “demokratische Architektur”, von der man so viel hört, annehmen kann (bzw. verglichen mit dem, was zu Hause so gebaut wird: dass sie existiert), dass ohne große Vorbehalte öffentlicher Platz in der teuersten Gegend der Stadt geschaffen wurde (sogar die riesigen Werkstätten der Oper sind direkt im Gebäude und einsehbar, was beides sonst eher unüblich ist) und dass hier ein offenbar wahnsinnig flüssig funktionierender Kulturbetrieb aus dem Boden gestampft wurde, der auch noch gut aussieht! Ich kann hier nur empfehlen, sich das selbst mal anzusehen und vor allem anzuhören: Von der Beleuchtung über die technische Einrichtung, die Wände, die Sessel, ja sogar bis hin zu jeder Person im Publikum kommt alles in den akustischen Berechnungen vor – und kostet für einen Stehplatz 150 SEK. Beeindruckend.

Damit war das Program zu Ende und meine kleine Reisegruppe und eine Traube von KollegInnen (die ständig wuchs) spazierten noch ein wenig durch die etwas “jüngeren” Viertel der Stadt und tranken hier und dort etwas, bevor wir aus Geldamangel und Frustration über die wirklich üblen Preise im Hostel guten spanischen Wein und belgisches Importbier kauften und ein bisschen feierten; Die Verarbeitung der vielen Eindrücke hatte ohnehin noch ein wenig Zeit, immerhin würde unsere Rückreise per Intercitybus ein wenig Zeit in Anspruch nehmen…

Fazit? Hm. Zwei interessante Städte, beide riesige Metropolen und Zentren für Kulturen, Finanzen und natürlich Architektur, beide auf ihre Art auch irgendwie unerwartet. Stockholm ist eine Stadt, wie sie schöner nicht liegen könnte – verteilt über ein Archipel, verbunden durch unzählige Brücken und umspült von der blauen, blauen See. Lebhaft, bewegt, auch laut und hektisch ist Schwedens Hauptstadt. Ein Beispiel für eine Stadt, die sich schon sehr lange in Frieden entwickelt und alle Probleme irgendwie in Eigenregie löst – absichtlich nahe der schmalen Grenze zwischen kreativem Erfindergeist und sturer Inspirationsverweigerung. Außergewöhnlich, denn diese Strategie hebt einerseits den Zwang, vergleichbar sein zu müssen, resultiert aber andererseits in ständiger Experimentierpflicht, einer Erwartungshaltung an sich selbst als einfallsreicher Vorreiter und selbstredend auch oft in tragischem Scheitern und in Fehlern. So hat Stockholm etwa in der Vergangenheit dem Autoverkehr sehr viel Platz eingeräumt und heute damit zu kämpfen, dass die wunderschöne waterfront, die z.B. in Kopenhagen oft autofrei und supergemütlich ist, in vielen Gegenden stark zerfahren und nicht sonderlich einladend erscheint. Wie Wien in Österreich ist Stockholm ein demografischer Wasserschädel und nicht zuletzt deshalb ein ziemlicher Kontrast zum restlichen Schweden – so wandeln sich hier die Tugenden dieser eher ruhigen und bedenklichen Nation unter dem Einfluss des big-money-making, der Globalisierung und natürlich der Zeit zu einer Art Exportmarke, die auch in der Stadt so gut ankommt, dass sich daraus irgendwie eine eigene Kultur entwickelt hat. Stockholm ist ruhig, bedenklich, gerecht und gebildet – aber das so schnell und gewinnbringend, wie nur möglich.

Über Oslos Geschichte kann ich leider nicht so viel sagen. Man merkt aber auch ohne speziell zu recherchieren, dass Norwegen und Oslo anders sind. Wilder, rauer, kühler. Keine weichen, sonnengelben Felder, die sich unter dem tiefblauen Himmel im Wind wiegen. Hier peitscht der Wind über hellgraue Bergketten und weiße Zipfelgipfel, die am Horizont in den Himmel stechen, der ebenso grau ist – oder eisblau, wenn es schön ist. Auch die Bevölkerung: Keine Flachlandcowboys, wie die Schweden. Man hat das Gefühl, dass Norwegen jeden Morgen bei Tagesanbruch im Pelzmantel auf die Jagd in die Berge zieht und abends mit fetter Beute zufrieden vor dem prasselnden Feuer sitzt. Und irgendwie stimmt das auch, denn fette Beute macht Norwegen nicht zuletzt aufgrund einiger fragwürdiger Gesetze im Bereich der Jagd auf bedrohte Tierarten und dank seiner Ölressourcen. Das Resultat ist ein grundlegender Unterschied in der gesamten norwegischen Kultur (das ich vor allem aus der Architektur ableite). Im Unterschied zum irgendwie (auch nicht ganz zurecht) unschuldigen Schweden, das von Innovation und Technologie profitiert und sich damit ein ruhiges Leben verschafft, ist Norwegen ein big-player in allen möglichen Primärindustrien, wird vielfach von Organisationen angefeindet und hat nicht zuletzt deshalb auch immer wieder mit Terroranschlägen und Gewalt zu tun. Wie die Vergangenheit zeigt, ist zwar auch Schweden nicht vor soetwas gefeit, aber auch, wenn ich mich damit vielleicht weit aus dem Fenster lehne, hab ich doch das Gefühl, dass solche Dinge in Norwegen leichter zu erklären sind.

Die Stadt Oslo ist, soweit mein erster Eindruck, ein bisschen wohnlicher als Stockholm – sehr ruhig für seine Größe, nicht so zerfahren und hektisch, aber auch irgendwie auch nur gemütlich, wenn man weiß, wo man suchen muss. Wo man aus Kopenhagen und Dänemark belebte Plätze und Parks gewohnt ist, findet man hier entweder Plätze, die Platzangst in einem hervorrufen, oder man landet in einem netten Park, wo dann im Laufe des Abends die Bevölkerungsdichte auf japanische Verhältnisse steigt. Ganz offensichtlich gibt es unzählige Subkulturen in der Stadt – ich hab noch nie eine so zugeflyerte Stadt gesehen. Anders als Berlin, wo das irgendwie eine Marke ist, sind die Subkulturen in Oslo nichts, das sich die Stadt offiziell auf ihre Fahnen heftet, so weit ich das beurteilen kann – sie duldet sie aber als Beitrag und “fördert sie” angeblich oft (lt. Einar Jarmund). Nach der Art von rebellierenden Teenagern aus gutem Hause beim Familienessen ist Oslo ein bisschen punkig, aber nicht zuuuu viel. Verwundert hat mich diese allgegenwärtige Wachsamkeit und diese irgendwie traurige Aura, die den Menschen und der Stadt anheim sind und die manchmal durchblitzen. Keine Ahnung, ob das historisch absoluter Unsinn ist, aber auf mich wirkt es, als hätte Oslo mit jedem Anschlag eine Mauer gebaut, während Stockholm (übrigens Österreich nicht unähnlich) so halb die Realität verweigert und nach einer Phase der Bestürztheit im guten Glauben an die Menschen die andere Backe auch noch hinhält.

Gemeinsam haben sie, dass beide Städte meine Erwartungen an die superreichen und gesellschaftlich ach-so ausgewogene skandinavische Welt nicht erfüllt, sondern total verschoben haben. Nämlich einerseits als offensichtlicher Widerspruch dazu; in Form von Lärm, Häßlichkeit, Baufälligkeit, Unordnung, missglückter Integration, sogar Armut und Gewalt. Andererseits aber auch als eine Verschiebung des Maßstabes, in dem ich diese Begrifflichkeiten in Zukunft betrachten werde. Wenn sich der große Reichtum der nordischen Länder auch nicht in Form von palastartigen, nagelneuen Häusern überall und blitzeblanken Straßen usw. aufdrängt, (so hab ich mir das nämlich eigentlich unbewusst schon vorgestellt), sondern vieles ein bisschen veraltet aussieht (vielleicht ein Qualitätsmerkmal?), findet man hier eine Dichte an Schätzen für’s anti-elitäre Herz, die unübertroffen ist. Bricht man erst einmal durch die Fassaden, findet man Bibliotheken, die in den 50ern schon moderner waren, als vieles, was man heute kennt, wundert sich über die teure Renovierung einer Uni, bis man sieht, dass es in eine absolut grandiose Ausstattung in der unauffälligen Einrichtung verborgen ist, sieht eine Art Flugzeughangar, der sich als Volksauditorium entpuppt (eine Einrichtung nur zur “Verankerung der Demokratie”! Die kann man übrigens auch als junger Mensch in Anspruch nehmen, ohne viel zu berappen und beim Bürgermeister lieb “Bitte” zu sagen) usw. Trotz allen natürlich trotzdem offensichtlich bestehenden Interessenskonflikten zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen (z.B. Beispiel Baubranche: Investiernde, öffentliche Hand, NutzerInnen und Allgemeinheit), steht generell eine stark fühlbare Kompromissbereichtschaft zum Wohle, oder besser gesagt zu einer möglichst breiten Zufriedenheit des Kollektivs im Vordergrund. Obwohl selbstredend oft eine Partei mehr durchsetzen kann, als die anderen, gibt es im Nachhinein in vielen Fällen einen Konsens in der Fehleranalyse und den Willen zu Verbesserungen UND den Mut zu öffentlicher Selbstrefkletion, auch von denjenigen, die es sich leisten könnten, ihre Fehler zu vertuschen. Ob das an sich gut ist, oder schlecht, möget ihr nun selbst entscheiden, aber ich würde gern einmal in Österreich jemanden sagen hören: “Wir haben mit dem Umbau 30 Millionen ziemlich in den Sand gesetz, weil das Gebäude so nicht funktioniert, wie wir das wollten. Deshalb investieren wir nochmal zwei Mille und machen einen Park draus, damit’s nicht ganz für den Arsch war und wir trotzdem alle was davon haben.”

Irgendwie schön, oder?

 

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